1911 – 1935, Gruen Guild-Era

Nach dem Tod von Dietrich Gruen im Jahr 1911 etablierten die Söhne Frederick und George Gruen die “Gruen Watch Makers Guild”. Die Idee dahinter war, die Uhrenfirma Gruen und seine Zulieferer in einer gemeinsamen Organisation zusammenzuführen, wie es die mittelalterlichen Handwerksgilden bereits getan hatten. Es ist anzunehmen, dass die Idee hierzu von Fred Gruen kam, der bekennender Freimaurer war. Die Freimaurerei entstand aus den mittelalterlichen Steinmetzbruderschaften und wesentliche Rituale und Symbole der Freimaurer beruhen bis heute auf den mittelaterlichen Wurzeln. Fred Gruen wird auch zitiert, er habe die Gruensche Uhrmachergilde gegründet, um „die alte Ideale der Gilden wieder aufleben zu lassen, den Stolz des Handwerkers in der Schönheit und Perfektion seiner Produkte“[1]

+1920 GRUEN, Symbol of the Craftsmen's Pride

Anzeige von 1920

Unter dem Dach der Gruen Watch Makers Guild agierten fortan sowohl die eigenen Firmen von Gruen als auch fremde Hersteller, mit denen man eng zusammenarbeitete. Dennoch war die Gruen Gilde nur ein Marketingkonzept und keine eigenständige rechtliche Einheit. Das Konzept der Gilde wurde allerdings erst mit dem Bau der im mittelaterlichen Stil gehaltenen neuen Zentrale auf dem Time Hill in Cincinnati im Jahr 1917 und durch Anzeigenwerbung ab dem Jahr 1920 auch in der Öffentlichkeit stärker vermarktet. Ab 1929 sollte die Gilde dann auch in Europa durch die Kooperation mit Alpina populär gemacht werden. Bis ins Jahr 1935 trugen alle Werbeanzeigen sowohl in Amerika als auch in Europa den Absender „Gruen Guild Watches“ bzw. „Gruen Watch Makers Guild“ bzw. die entsprechende Übersetzung.

Mit Beginn der Gruen Guild Marktingoffensive wurde der Name Gruen Guild nicht nur in der Werbung sondern auch auf Uhrwerken der Fremdhersteller eingesetzt und ersetzte vollständig die alte Bezeichnung D. Gruen & Sons und das DG&S Logo. Anfänglich war die Idee, nur die hochwertigen Uhren mit mindestens 17 Steinen selbst zu produzieren und die etwas günstigeren Uhren bei Fremdherstellern der Gilde produzieren zu lassen. Daher wurde auch das neue eigene Produktionsgebäude in Biel „Precision Factory“ genannt. Während die Gilde-Uhren meist nur mit „Gruen“ bezeichnet wurden, hatten die eigenen Uhren die Bezeichnung „Gruen Precision“. Dieses Konzept wurde aber schnell aufgelöst, da auch Fremdhersteller wie Aegler sehr hochwertige Uhren mit 17 Steinen bauten. Spätestens aber ab Beginn der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre und dem Einbruch der Nachfrage nach hochwertigen Uhren wurde die gesamte Uhrwerksproduktion von Gruen in der PrecisionFactory konzentriert und fortan kamen alle Uhren, egal mit wievielen Steinen, von dort.

Zur Gruen Gilde gehörten von Beginn an auch die Uhrwerkshersteller Aegler in Biel/Schweiz und Lavina in Villeret/Schweiz. Auch wenn diese Uhren nicht in eigener Produktion gefertigt wurden, so wurden sie dennoch im Auftrag und nach den strengen Richtlinien von Gruen produziert. Die Uhren eigener Produktion waren auf dem Uhrwerk mit der Bezeichnung Gruen Watch Co. bezeichnet, die Uhren von Aegler und Lavina mit Watch Specialties und/oder dem DG&S-Logo („Dietrich Gruen & Söhne“).  Einige wenige Uhren von Aegler trugen auch den Markennamen „Premo“, den Gruen von Aegler übernommen hatte und 1911 für sich registrieren ließ. Die Zifferblätter dieser Uhren trugen entweder den Namen Gruen, das DG&S-Logo und/oder den Namen eines Juweliers oder Händlers. Vereinzelt finden sich auch Uhren, die die Aufschrift „Gruen Guarantee“ auf dem Uhrwerk tragen. Es ist anzunehmen, dass diese Uhrwerke nicht von Gruen, Aegler oder Lavina gefertigt, sondern von dritten Herstellern zugekauft wurden. Die Bezeichnung „Gruen Guarantee“ könnte darauf hin deuten, dass Gruen sich auch bei diesen fremden Uhrwerken für die hohe Qualität verbürgte. Ca. 1921 wurden dann alle vorgenannten Bezeichnungen auf den Uhrwerken von Fremdherstellern durch die Bezeichnung „Gruen Guild“ ersetzt. Uhrwerke aus eigener Produktion trugen aber weiterhin die Bezeichnung „Gruen Watch“ bzw. „Gruen Watch Company“. Erst ab 1935 verschwand dann die Bezeichnung Gruen Guild und alle Uhren wurden einheitlich mit Gruen Watch bzw. Gruen Watch Co. bezeichnet. Der Hintergrund war der Wechsel von Fred Gruen in den Aufsichtsrat und die Übernahme der Geschäftsleitung durch Benjamin S. Katz, zum anderen aber auch die Tatsache, dass man die Fremdproduktion wegen der wirtschaftlichen Krise nahezu eingestellt hatte.

Obwohl man Anfang der 1910er Jahre mit der Gruen Gilde („Gruen Guild“) ein einheitliches Markendach geschaffen hatte, wurde mit der Watch Specialties Co. und den Gruen Guarantee-Uhren oder ab den 1920er Jahren mit den Gruen Guild-Uhren eine trennscharfe Abgrenzung der in der eigenen Produktion hergestellten Uhren höchster Güte von den zugekauften Uhren bzw. Uhrwerken anderer Hersteller erreicht. Dies bedeutete aber nicht, dass die zugekauften Uhren und Uhrwerke von minderer Qualität waren, da man nur mit den besten Zulieferern zusammenarbeitete.

Sicherlich der wichtigste Fremdhersteller war die Firma Aegler, die durch Jean (Johannes) Aegler 1881 gegründet wurde. Aegler hatte sich auf die Herstellung kleiner Uhrwerke spezialisiert, die überwiegend in Damenuhren aber auch in den sogenannten “Trench Watches” (dt. “Schützengraben-Uhren”) für Soldaten im 1. Weltkrieg eingesetzt wurden. Mit dem Siegeszug der Armbanduhren nahm die Anzahl der von Aegler bezogenen Uhrwerke und somit die Bedeutung als strategischer Lieferant von Gruen zu.

Auch der Gründer der Fa. Rolex, Hans Wilsdorf, fertigte seine Uhren nicht selbst, sondern war ein Hauptabnehmer der Uhrwerke von Aegler. Die enge Zusammenarbeit zwischen Aegler und seinen zwei größten Kunden Gruen und Rolex führte schließlich zu einer finanziellen Beteiligung  am gemeinsamen Lieferanten und der Umfirmierung in „Aegler, Société Anonyme, Horologies D’Excellence Fabrique des Montres Rolex & Gruen Guild A.“

Die Beteiligung zweier selbständiger Uhrenfirmen an Aegler bedingte aber auch, dass die in dieser Zeit hergestellten Uhrwerke nahezu baugleich aber mit unterschiedlichen Uhrwerksbezeichnungen in Uhren von Gruen und Rolex verbaut wurden. Folgende baugleiche Uhrwerke sind bekannt: Gruen 819 (Rolex 600), Gruen 827 (Rolex 710), Gruen 833 (Rolex 250), Gruen 835 (Rolex 200), Gruen 835SS (Rolex 210), Gruen 877 (Rolex 300), Gruen 879 (Rolex 170).[2]

Da im Jahr 1929 Gruen seine europäischen Aktivitäten in der Alpina-Gruen Gilde zusammenlegte (siehe gesondertes Kapitel) finden sich einige der oben genannten Uhrwerke auch noch in Alpina bzw Alpina-Gruen Uhren. Allerdings trugen lediglich die Zifferblätter diese Namen, die Uhrwerke, sofern sie von Aegler kamen, waren lediglich mit „Gruen Guild“ bezeichnet. Ebenso finden sich bis heute einige wenige Uhren mit den gleichen Uhrwerken, die den Namen Rebberg tragen. Dies war eine Marke, die Aegler selbst führte und die auf den Sitz der Firma am Rebberg, einem Stadteil von Biel, hinwies. Ob Aegler diese Uhren selbst vermarktete, oder diese Uhrwerke von unabhängigen Uhrmachern, Juwelieren oder Drittfirmen bei Aegler gekauft wurden, ist nicht bekannt.

Gruen Guild, 877-8 (0)

Gruen Guild Techni-Quadron, Kal. 877, Foto: (C) Peter Schill

Die bekannteste Uhr von Gruen, Rolex und Alpina ist sicherlich die berühmte Doctor’s Watch, die als sogenannte Duo-Dial-Uhr zwei nahezu gleich große Zifferblätter für Stunde/Minute und Sekunde besaß. Durch den vergrößerten Sekundenzeiger eignete sich die Uhr besonders für Ärzte, die damit den Puls messen konnten. Die Doctor’s Watch wurde baugleich als Rolex Prince,  Gruen Techni-Quadron, Alpina-Gruen Tecno und Alpina Tecno vermarktet. Zum Einsatz kam das von Aegler gefertigte Formuhrwerk Kaliber 877, das seinerzeit einen Meilenstein in hochwertiger Verarbeitung und Ganggenauigkeit setzte.

Die Familien Wilsdorf und  Gruen waren nicht nur Geschäftspartner sondern auch ansonsten eng befreundet. Anfänglich waren auch die geschäftlichen Aktivitäten komplementär, da Gruen seine Uhren ausschließlich in den USA und Rolex in Europa, Asien und dem Britischen Empire vermarktete. Mit dem zunehmenden Erfolg beider Firmen weiteten diese aber auch ihre Vertriebsgebiete aus, wodurch die Differenzen zunahmen. 1926 ließ Rolex ein wasser- und staubdichtes Armbanduhrgehäuse mit verschraubter Krone patentieren, die berühmte Oyster. Diese sollte als Sportuhr vermarktet und über das amerikanischen Katalogversandhaus für Sport und Outdoor-Aktivitätren Abercrombie & Fitch (A&F) [3] auch in der neuen Welt vertrieben werden. Wegen der Kooperation mit Gruen konnte Wilsdorf für die Uhr aber kein Aegler-Uhrwerk verwenden und griff daher auf ein Werk von FHF zurück, das aber bei weitem nicht den hohen Standard erfüllte. Da aber auch A&F die Uhr nicht genügend werblich unterstütze scheiterte der erste Versuch einer Expansion von Rolex nach Amerika kläglich. Auch ein zweiter Versuch über die nur im Nordwesten der USA operierende Juwelierkette Zell Brothers war nicht von Erfolg gekrönt.[4] Andererseits konnte Rolex die 1929 begonnene Kooperation zwischen Gruen und Alpina nicht gefallen, mit der Gruen in Europa Fuß zu fassen suchte.

Nach dem Erfolg von Time Hill in Cincinnati/USA eröffnete  Gruen 1921 die ebenfalls im mittelalterlichen Gildenstil erbaute neue Produktionsstätte „Precision Factory“ schräg gegenüber der Firma von Aegler am Rebberg in Biel/Schweiz. Durch die hoche Nachfrage nach Uhren in den USA bezog Gruen bis Ende der 1920er Jahre Uhrwerke sowohl aus seinen eigenen Produktionsstätten in Madretsch und Rebberg, als auch von Aegler, Lavina und anderen. Durch die Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre brach aber die Nachfrage nach hochwertigen Luxusgütern wie Uhren rapide ein und Gruen konzentrierte seine Uhrwerksproduktion in der Precision Factory am Rebberg/Biel.

1935 verkaufte Gruen seine Aegler-Beteiligung an die verbliebenen Partner. Der freiwerdende Platz im Aufsichtsrat von Aegler wurde von Emile Borer, einem Schwager von Hermann Aegler, übernommen. Borer war technischer Direktor der Uhrenfabrikation und Erfinder des patentierten 360°-Automatik-Uhrwerks von Rolex. Hans Wilsdorf brachte 1945 sein gesamtes Unternehmenskapital in die Hans-Wilsdorf-Stiftung ein, der heute auch die Rolex S.A. gehört. 1960 verstarb Wilsdorf kinderlos. Die Zweiteilung zwischen Rolex-Produktion durch Aegler in Biel/Schweiz und Vermarktung durch die Rolex SA in Genf/Schweiz bestand bis zum April 2004.  Erst zu diesem Zeitpunkt verkauften die Familien Borer und Cottier-Aegler die Rolex Biel für geschätzte 2 bis 2,5 Milliarden Franken an die Rolex SA in Genf.[5]

 


[1] White, James T.: The Nationjal Cyclopaedia of American Biography (New York: James T. White & Co., 1947)
[2] Ranfft, Roland: Ranfft Watches, http://www.ranfft.de/, 2.6.2016
[3] Die 1892 durch David Abercrombie in Manhattan/New York gegründete Firma, die im Jahr 1900 um den Teilhaber Ezra Fitch  erweitert und in Abercrombie & Fitch umbenannte wurde existierte als Katalogversender und Spezialist für Sport- und Außenaktivitäten bis zur Insolvenz im Jahr 1976/1977.  Die heute bekannte Modemarke A&F entstand erst Ende der 1980er Jahre nachdem die Firma mehrmals den Eigentümer gewechselt und ihre Ausrichtung geändert hatte.
[4] padi56: Which year is the first Rolex made?, http://www.rolexforums.com, 28.11.2012
[5] Hug, Daniel: Die Vision Rolex, Neue Zürcher Zeitung, 4.4.2008