1876 – Columbus Watch Co.

Nachdem Dietrich Gruen im Jahr 1874 seine Erfindung patentieren ließ, dauerte es nicht mehr lange, bis er begann diese in seiner ersten Firma zu vermarkten. Dazu gründete er 1876 die Columbus Watch Manufacturing Co. in Columbus/Ohio. Columbus war bereits damals die größte Stadt und die Hauptstadt des Bundesstaates Ohio.

Historsche Postkarte von Columbus Ohio um das Jahr 1900, Erster Sitz der Columbus Watch Co. Ecke Broad & High Street, im Gebäude rechts unten auf dem Bild, Foto: Peter Schill

Historsche Postkarte von Columbus Ohio um das Jahr 1900, Erster Sitz der Columbus Watch Co. Ecke Broad & High Street, im Gebäude rechts unten auf dem Bild, Foto: Peter Schill

Die Stadt war schon immer ein Zentrum für deutsche Auswanderer gewesen, weshalb bis heute rund 20 Prozent der Einwohner von Columbus direkte deutsche Wurzeln haben. Im 19. Jahrhundert gründeten die deutschen Immigranten südlich der Innenstadt das „German Village“, das heute mit seinen 1.600 überwiegend liebevoll restaurierten Häusern zu einer der bedeutendsten Touristenattraktionen der Stadt zählt.[1]

Aus den historischen Aufzeichnungen ist nicht klar ersichtlich, ob Dietrich Gruen die Firma zunächst alleine gründete und erst 1879 einen Partner in sein Geschäft aufnahm, oder ob er die Firma bereits zusammen mit einem Partner gründete. Es ist jedoch erwiesen, dass sein PartnerWilliam J. Savage hieß, der der ältere Sohn von William M. Savage, einem bekannten örtlichen Geschäftsmann war, der Handel mit „Uhren, Schmuck, Gewehren, Revolver und Angelgerät“ betrieb. Der Sohn war gelernter Silberschmied und ebenfalls im Schmuckgroßhandel tätig. Um das notwendige Kapital für die Beteiligung an der Columbus Watch Manufacturing Co. zu beschaffen, verkaufte er seine Anteile an der Firma seines Vaters..[2]

In der neuen Firma übernahm William J. Savage die Funktion des „Secretary and Treasurer“, also eines Direktors für Verwaltung und Finanzen, während Dietrich Gruen als „President“, also Geschäftsführer, fungierte. Aus der Aufgabenteilung der beiden ist zu vermuten, dass Gruen die treibende Kraft hinter der Firma war, während Savage die notwendige Fianzierung sicherstellte und sich hauptsächlich um die Finanzen kümmerte.[3]

Columbus Watch Company, Thurman Street, Columbus/Ohio Quelle:  The watch factories of America, past and present, Hazlitt, George Henry Abbott, 1858-1905, S.117, http://babel.hathitrust.org, 8.6.2014

Columbus Watch Company, Thurman Street, Columbus/Ohio, Quelle: The watch factories of America, past and present, Hazlitt, George Henry Abbott, 1858-1905, S.117, http://babel.hathitrust.org, 8.6.2014

Die Firma war zunächst im Stadtzentrum in direkter Nachbarschaft des Ohio State House (Landtagsgebäude) im Untergeschoß der Exchange Bank an der Ecke von High und Broad Street in Columbus angesiedelt. Dort wurden anfänglich importierte Schweizer Roh-Uhrwerke entsprechend den Vorgaben von Dietrich Gruen umgebaut und in Gehäuse gesetzt. 1882 begann man dann mit einer eigenen Uhrwerksproduktion, die Produktion wurde in neu gebaute größere Räumlichkeiten verlegt in die Thurman Street, Ecke City Park Avenue im „German Village“ und der Name wurde abgekürzt in „Columbus Watch Company“.

Die neuen Werkstätten bestanden aus mehreren schmalen Gebäuden, die in H-Form aneinander gereiht waren und große Fenster hatten, um genügend Licht für die diffizile Arbeit zu haben. In ihrer Blütezeit im Jahr 1888 arbeiteten hier 300 Mitarbeiter, die rund 45 Uhren am Tag herstellten.

Während das erste Gebäude in der High Street vor mehreren Jahren einem Hochhaus weichen musste, sind zwei Gebäudeflügel der Räumlichkeiten im „German Village“ bis heute erhalten geblieben.

Werkbänke und Arbeiter der Columbus Watch Co. im "German Village" Quelle: Columbus Metropolitan      Library, http://www.columbuslibrary.org/

Werkbänke und Arbeiter der Columbus Watch Co. im „German Village“ Quelle: Columbus Metropolitan Library, http://www.columbuslibrary.org/

Die Columbus Watch Co. prosperierte in den 1880er Jahren und wurde schon bald zu einer erntzunehmenden Konkurrenz für die bereits etablierten Uhrenfirmen wie Waltham und Elgin. Neben den hochwertigen Taschenuhren mit Krone wurden noch immer günstigere Uhren gebaut, die mit einem Uhrschlüssel aufgezogen werden mussten. Auch produzierte man zunehmend die kleineren und leichteren 16S-Uhren mit 43,18 mm Durchmesser im Vergleich zu den etwas größeren und schwereren 18S-Uhren mit 44,87 mm Durchmesser.[4] Allen gemein war aber die Verwendung des von Dietrich Gruen erfundenen Sicherheitstriebs.

Während der Amtszeit des republikanischen Präsidenten Benjamin Harrison in den Jahren 1889-1893, kam es zu einigen schwerwiegenden Fehlentwicklungen in der amerikanischen Wirtschaftspolitik, die letztlich am 5. Mai 1893 zum sogenannten „Industrial Black Friday“ und einem Absturz der Kurse an der New Yorker Börse führten.

Auch die amerikanische Uhrenindustrie hatte schwer unter der Krise zu leiden, da sich viele Amerikaner durch den Verlust ihrer Ersparnisse und teilweise auch ihrer Arbeit keine teuren Taschenuhren mehr leisten konnten. Die Firmen Waltham und Elgin leiferten sich einen erbitterten Preiskampf, der auch die Columbus Watch Co. in Mitleidenschaft zog. In der Folge musste Dietrich Gruen seine Firmenanteile an Investoren verkaufen und war fortan nur noch ein angestellter Geschäftsführer. Nachdem auch noch unterschiedliche Ansichten über die Fortführung der Gesellschaft zutage traten, schieden im Jahr 1894 Dietrich Gruen und sein Sohn Frederick aus der Columbus Watch Co. aus, kurz bevor diese Insolvenz anmelden musste.

Die Columbus Watch Co. wurde daraufhin umstrukturiert und unter dem Namen „New Columbus Watch Co.“ weitergeführt. Uhren der neuen Gesellschaft erhielten im Gegensatz zu früheren Jahren fortan Namen wie „Time King“, „Columbus King“ oder „Railway King“. Die neue Firma überlebte allerdings auch nur wenige Jahre und stellte 1903 die Produktion ein.

Studebaker "Big Six Touring Car" Automobile, Anzheige von 1920 aus National Geographic, Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Studebaker_Corporation

Studebaker „Big Six Touring Car“ Automobile, Anzeige von 1920 aus National Geographic, Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Studebaker_Corporation

Die komplette Fabrik, inklusiver aller Maschinen und Werkzeuge wurde von Mitgliedern der Familie Studebaker gekauft und nach South Bend/Indiana gebracht, wo die Studebakers bereits eine florierende Produktion von Kutschen und Automobilen betrieb. Auch der amerikanische Präsident besaß zu dieser Zeit einen „Studebaker“. Die Automobilherstellung war in den Folgejahren so erfolgreich, dass „Studebakers“, bis zur Einstellung der Automobilproduktion im Jahr 1966 zu einer Ikone der amerikanischer Autoproduktion wurde.

Auch 145 Mitarbeiter der Columbus Watch Co. folgten den Studebakers nach South Bend, wo 1905 die neue Uhrenfirma unter dem Namen „South Bend Watch Co.“ ihre Produktion aufnahm. Die meisten Uhren wurden unter dem Namen der Stadt bzw. der Firma, „South Bend“, verkauft. Allerdings vermarketeten die Studebakers auch einige Uhren unter ihrem eigenen, durch die Automobilproduktion immer bekannter werdenden Namen.

Mitte der 1920er Jahre begann man mit dem Direktvertrieb der Uhren durch Postversand. Man wollte sich dadurch den teuren Zwischenhandel der Juweliere und Uhrmacher sparen. Um den Handel aber nicht zu verärgern wurden die Uhren, die baugleich mit den South Bend Uhren waren, unter dem Namen Studebaker verfkauft. Als Absender firmierte die Studebaker Watch Co. Eine Anzahlung von einem Dollar genügte, um eine Studebaker-Uhr zu bestellen. Der Rest wurde in Raten abbezahlt. Als aber am 29. Oktober 1929 der Aktienmarkt erneut zusammenbrach und die nächste Weltwirtschaftkrise einläutete, erwies sich das Geschäftsmodell als Fallstrick für die South Bend Watch Co. und die Studebakers. Viele Kunden konnten ihre Raten nicht mehr zahlen und die Nachfrage nach neuen Uhren brach ein.[5] Als die Produktion am 27. Novemeber 1929 eingestellt wurde, hatte die Firma noch 35.000 Uhrten in der Produktion. Auch war es der Firma und ihren zuletzt rund 300 Mitarbeitern zum Verhängnis geworden, dass man nicht auf das bereits seit Beginn der 1920er Jahre wachsende Segment der Armbanduhren setzte, sondern an der Produktion von Taschenuhren festhielt. Damit wurde dieses Kapitel der amerikanischen Uhrengeschichte für immer geschlossen. Insgesamt wurden in South Bend in knapp 25 Jahren rund 900.000 Uhren hergestellt.[6]


 

[1] N.N.: Columbus – Moderne Universitätsstadt mit deutschen Wurzen,http://www.usa.de/portal/usade/app/content/resourceld/columbud-in-ohio.html
[2] N.N.: http://stores.ebay.com/Hess-Fine-Arts/Watch-Brand-Histories-A-to-Do.html; 11.9.2014
[3] Schliesser, Paul, Gruen –The Art & Mystery of Watchmaking, 1998-2001, http://www.pixelp.com
[4] Taschenuhren in Amerika wurden früher  in Size (S) gemessen, wobei 1 Size = 1/30 engl. Zoll = 0,8466 mm entspricht . Der Nullpunkt der Skala (0S) wurde bei 29,63mm festgelegt.
[5] http://www.railswest.com/time/southbend.html, 11.9.2014
[6] http://www.studebakerhistory.com/dnn/SouthBendWatchCompany/tabid/81/Default.aspx, 11.9.2014

Comments are closed, but trackbacks and pingbacks are open.