1929 – Alpina-Gruen Gilde

Trotz der Fertigung der Uhrwerke in der Schweiz war Gruen bis Ende der 1920er Jahre eine rein amerikanische Marke, die überwiegend in den USA und Kanada verkauft wurde. Um aber in Europa Fuß zu fassen, fehlte Gruen das entsprechende Vertriebsnetz. Daher entschloss man sich im Jahr 1929 die Alpina Gruen Gilde SA. zu gründen, in der die europäischen Vertriebsaktivitäten der Union Horlogère und der Gruen Watch Co. gebündelt wurden.

Gilde 355 Taschenuhr

Gilde 355 Taschenuhr. Foto: (C) Peter Schill

Die Union Horlogère („Schweizerische Uhrmacher-Corporation“) wurde 1883 als Genossenschaft führender Hersteller von Uhrernkomponenten und Uhrenhändler gegründet, um die Produktion und den Vertrieb eigener kostengünstiger Uhren zu fördern. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Herstellung und Vertrieb der Uhren meist strikt getrennt. Uhrmacher und Juweliere orderten zumeist die Uhrwerke und die Uhrengehäuse von verschiedenen Herstellern, setzten sie in ihren Uhrmacherbetrieben zusammen und verkauften sie häufig unter eigenem Namen. Nur die sehr hochwertigen Uhren wurden in eigenen Manufakturen entweder komplett oder aus Einzelkomponenten verschiedener Hersteller gefertigt und als fertige Uhren von Uhrmachern, Juwelieren und Händlern unter dem Namen des Herstellers verkauft. Die größte Gewinnspanne versprach dabei die Montage der Uhren, weshalb sowohl die Komponentenhersteller als auch die reinen Vertriebshändler, die keine eigene Montage hatten, gerne ein Stück vom Kuchen abbekommen wollten. Dies war die Intention von Gottlieb Hauser, der zu diesem Zweck unter dem Dach der Union Horlogère folgende Mitgliedsfirmen vereinigte:

  • J. Straub & Co (Uhrwerke, Uhren)
  • Kurth Freres, Grenchen (später Certina) bis ca. 1920,
  • Duret & Colonnaz, Genf (Rohwerke),
  • Adolf Haeker (Gehäuse),
  • Lesquereux & Co, La Chaux-de-Fonds, (Gehäuse und Uhrwerke), Mobile Watch Co..
  • Louis Bandelier & Cie, Vergolden, Versilbern, und Vernickeln.
  • Huguenin – Robert (Gehäuse),
  • Ali Jeanrenaud, La Chaux-de-Fonds (Pendants, Bügel und Goldgehäuse),
  • Oskar Mistely, La Chaux-de-Fonds (Dekorationen, Guilloches und Gravierungen),
  • H. Maumary, La Chaux-de-Fonds (Zugfedern),
  • H. Bopp-Boillot, La Chaux-de-Fonds (Zeiger),
  • Numa Nicolet & Fils, La Chaux-de-Fonds (Zifferblätter),
  • Schwob Freres & Co, La Chaux-de-Fonds (Cyma),
  • Robert Frères, Villeret (Minerva),
  • L. Rueff & Meyrat, Saint-Imier (Allianz),
  • Fritz Moeri, Montres Moeris, Saint-Imier.
  • J. Assmann, Glashütte bis 1904 für den deutschen Markt.
  • Météore S.A. (seit 1915, Tochtergesellschaft zur Produktion von Radium) [1]

In den 1920er Jahren schlossen sich der Genossenschaft weitere Mitglieder an:

  • Jules Bonnet, Biel,
  • Fabrique d’Horlogerie Montilier, Constant Dinichert junior, Montilier,
  • G. Huguenin, Biel (später Hamilton),
  • Aegler, Hermann Aegler S.A, Biel (Rolex),
  • Fred und Georg Gruen, Cincinnati/Biel (Gruen Watch),
  • Albert Weber Uhren-Gehäuse Fabrik, Genf.
  • Marc Favre & Co. Biel.  [1]
1933, Alpina Gruen Gilde Werbung

Anzeige für Alpina Gruen Tecno von 1933

Die Marke Alpina, wurde zunächst von J. Straub & Co für zwei eigene Uhrwerke verwendet und geschützt. Da Straub eine der Hauptlieferanten der Union Horlogère war, trugen fast alle Uhren diesen Markennamen. Später wurde der Name Alpina für alle hochwertigen Uhren der Union Horlogère verwendet, wohingegen die Uhren von einfacher und mittlerer Qualität die Namen A (1926), Festa (1928) und Novice trugen. [1]

Der Sitz der Genossenschaft war seit 1890 im Schweizerischen Biel/Bienne, aber erst im Jahr 1919 wurde der Kauf eines eigenen Areals in der Unionsgasse 13 – Eisengasse 5 in Biel beschlossen.

1927 offerierten die Gebrüder Gruen der Union Horlogère eine Zusammenarbeit, die eine gemeinsame Uhrenproduktion vorsah und dem jeweiligen Partner das Vetriebsnetz des anderen öffnen sollte. Die Vertriebsgebiete der beiden Firmen waren bis dahin komplementär, da Gruen fast ausschließlich den nordamerikanischen Markt belieferte und die Union Horlogère den europäischen Markt.  [2]

Am 8. Oktober 1928 berief die Union Horlogère eine außerordentliche Generalversammlung ein, die die nötigen Umstrukturierungen beschloss. Gottlieb Hauser und Jakob Straub traten als Verwaltungsräte zurück und machten dem Bieler Bankdirektor Gottfried Peter und dem Bieler Uhrenfabrikanten Louis Straub Platz. Der Artikel 2 der Genossenschaftsstatutuen wurde mit folgendem Wortlaut geändert: „Die Gesellschaft bezweckt die Fabrikation von Uhren und verwandten Artikeln, sowie den Handel mit solchen und den Zusammenschluss tüchtiger Uhrenfachleute und Detaillisten, um ihnen ideelle und materielle Vorteile zu bieten.“ [2]

Am 13. Mai 1929 wurde die Kooperation zwischen Gruen und der Union Horlogère offiziell unter dem recht langen und komplizierten Namen „Alpina-Gruen Gilde Uhrenaktiengesellschaft (Union Horlogère) (Montres Alpina-Gruen Guilde Société Anonyme) (Union Horlogère) Alpina-Gruen Guild Watch Co. Limited (Union Horlogère)“ begründet. In den Verwaltungsrat wurde neben den Chefs der Union Horlogère auch die beiden Brüder Frederick und George Gruen, sowie deren Hauptlieferanten Hermann Aegler (Uhrwerksproduzent Biel) und Albert Weber (Gehäuseproduzent Genf) gewählt. [2]

Alpina-Gruen Uhrenfabriken

Im Jahrbuch von 1930 vermerkt die Alpina Gruen Gilde SA ein Vertriebsnetz von 1575 Einzelhändlern und sechs Ländervertretungen in Europa. Diese waren

  • Alpina Schweiz (102 Einzelhändler)
  • Alpina Deutschland (928 Einzelhändler)
  • Alpina Österreich (77 Einzelhändler)
  • Alpina Niederlande (50 Einzelhändler)
  • Alpina Ungarn (34 Einzelhändler)
  • Alpina Dänemark (28 Einzelhändler)
  • weiterhin
  • 134 Alpina-Händler in Tschechien und der Slowakei
  • 64 Alpina-Händler in Italien
  • 32 Alpina-Händler in Polen
  • 27 Alpina-Händler in Spanien
  • 24 Alpina-Händler in Belgien
  • 24 Alpina-Händler in den Balkanstaaten
  • 21 Alpina-Händler in Schweden
  • 10 Alpina-Händler in Luxemburg
  • 7 Alpina-Händler in Norwegen ,
  • 4 Alpina-Händler in Letland
  • 9 Alpina-Händler in weiteren Ländern

Die neue Gesellschaft war aber bereits von Anfang an mit wenig Erfolg gesegnet, da beide Partner nach wie vor auf ihre Eigenständigkeit und eigene Vorteile bedacht waren. Außerdem war der Zeitpunkt der Kooperation sehr ungünstig gewählt, da im Oktober 1929 die New Yorker Börse kollabierte und den Beginn einer der schwersten Weltwirtschaftskrisen der Geschichte signalisierte. Wahrscheinlich auch aus eigenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten heraus verweigerte Gruen den von Alpina geforderten finanziellen Beitrag zum Jahreskatalog und behinderte Alpina an der Expansion auf den amerikanischen Markt, um wahrscheinlich den eigenen stark eingebrochenen Uhrenverkauf nicht noch zusätzlich zu belasten. Zusätzlich gab es Probleme mit dem Gesellschafter und Verwaltungsrat Hermann Aegler, der immer stärker in die Abhängigkeit von Rolex geriet und diese Marke im Vertrieb favorisierte. [2]

Durch die fortwährenden Reibereien und die allgemein schwierige Weltwitschaftslage machte die Alpina-Gruen Gilde Verluste im operativen Geschäft. Alles in allem führte dies bereits 6 Jahre nach der Gründung im Jahr 1935 zu einer Auflösung der Kooperation. Die Gesellschaft nannte sich in der Folge nur noch Alpina Union Horlogère mit Sitz in Biel. [2]

Während Gruen seine europäischen Ambitionen beerdigte versuchte Alpina speziell in Deutschland weiter Fuß zu fassen, was durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland und die Kriegsvorbereitungen immer schwerer wurde. Nach dem Krieg wurde die deutsche Niederlassung von Alpina reorganisiert und als „DUGENA, Deutsche Uhrmacher-Genossenschaft Alpina“ in Darmstadt neu gegründet.

Im Zuge der Quarzkrise wurde im Jahr 1972 die Alpina Union Horlogère mit finanzieller Unterstützung von deutschen Investoren in die Alpina Watch International  umgewandelt und mit der Schließung der Uhrenfabrik von Straub & Co. die eigene Herstellung von Uhren aufgegeben. Einige Jahre später wanderte das Alpina-Vertriebsbüro nach Köln/Deutschland, wo man das Revival der mechanichen Uhren in den 1980er und 1990er Jahren verschlief. Im Jahr 2000 wurde die Marke Alpina dann ganz vom Markt genommen, um nur 2 Jahre später von  der Uhrenfirma Frederique Constant aus Genf gekauft und zu neuem Leben erweckt zu werden. Im Jahr 2003 folgte die erste Kollektion der neuen Alpina Watches International SA, die seither aus Plan-les-Ouates, einem Vorort von Genf agiert. Seit 2008 setzt Alpina wieder eigene Uhrenkaliber ein, die die bis dato benutzten ETA-Kaliber ersetzten.[3]

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[1] N.N.: Watch-Wiki, Alpina/de, http://watch-wiki.org, 3.3.2016
[2] N.N.: Alpina, von einer Einkaufsgemeinschaft zur innovativen Uhrenmanufaktur, www.alpina-watches.com, 3.3.2016
[3] N.N.: Alpina, http://www.uhren-wiki.net, 3.3.2016