{"id":58,"date":"2014-10-18T01:48:39","date_gmt":"2014-10-17T23:48:39","guid":{"rendered":"http:\/\/gruen.watch\/?page_id=58"},"modified":"2015-01-08T19:46:22","modified_gmt":"2015-01-08T17:46:22","slug":"auswanderung-in-die-usa","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/gruen.watch\/?page_id=58","title":{"rendered":"1867- Auswanderung"},"content":{"rendered":"<p>Es ist davon auszugehen, dass die Familie von Johann Georg Gr\u00fcn in relativ bescheidenen Verh\u00e4ltnissen lebte. Die Gruens konnten als Vollwaisen mit keiner gro\u00dfe Erbschaft rechnen. Der Beruf des Schuhmachers war zwar ehrbar, konnte aber die Familie in der damaligen Zeit nur notd\u00fcrftig ern\u00e4hren.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_60\" aria-describedby=\"caption-attachment-60\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/gruen.watch\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Hungersnot-in-Irland-klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-60\" src=\"http:\/\/gruen.watch\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Hungersnot-in-Irland-klein-206x300.jpg\" alt=\"Gro\u00dfe Hungernot in Irland, zeitgen\u00f6ssische Zeichnung der Bridget O\u2019Donnel und ihrer Kinder, Quelle: Illustrated London News 1849\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-60\" class=\"wp-caption-text\">Gro\u00dfe Hungernot in Irland [a]<\/figcaption><\/figure>Hinzu kamen die schwierigen politischen und wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse: Nachdem im Jahr 1840 der Erreger der Kartoffelf\u00e4ule aus Nordamerika nach Europa eingeschleppt worden war, folgten mehrere schwere Hungersn\u00f6ten in Europa.[1] Am schlimmsten traf es Irland, wo es zwischen 1845 und 1852 zur sogenannten \u201eGro\u00dfen Hungersnot\u201c (engl. \u201eGreat Famine\u201c)[2] kam. Aber auch in Deutschland\u00a0 f\u00fchrten mehrere Missernten zu Revolten und 1847 zur sogenannten Kartoffelrevolution in Berlin.[3] In Osthofen sah sich die Gemeinde im Jahr 1847 gen\u00f6tigt, vom Staat 150 Malter Korn aus der Ernte 1846 zu kaufen, es vermahlen zu lassen und davon 7618 Laib Brot zu backen. Dieses wurde zur Linderung der schlimmsten Not an die \u00e4rmere Bev\u00f6lkerung f\u00fcr 17 statt der \u00fcblichen 25 Kreuzer verkauft.[4]<\/p>\n<p>Erschwert wurde die Lage durch die aufkommende industrielle Revolution, die viele Handwerker arbeitslos und die Industriearbeiter zu billigen Tagel\u00f6hnern machte. Es entstand ein Industrieproletariat, das unterst\u00fctzt durch intellektuelle Vordenker zunehmend unzufrieden wurde und gegen die herrschenden Verh\u00e4ltnisse rebellierte. Am bekanntesten ist hier sicherlich der schlesische Weberaufstand von 1844, der als Vorbote der deutschen Revolution von 1848\/1849, auch M\u00e4rzrevolution genannt, gelten kann.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_61\" aria-describedby=\"caption-attachment-61\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/gruen.watch\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Lederproduktion-bei-Doerr-Reinhart.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-61 size-medium\" src=\"http:\/\/gruen.watch\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Lederproduktion-bei-Doerr-Reinhart-300x199.jpg\" alt=\"Lederproduktion bei Doerr &amp; Reinhart, Worms, um 1900 Quelle: http:\/\/www.wormser-lederindustrie.de, 9.6.2014\" width=\"300\" height=\"199\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-61\" class=\"wp-caption-text\">Lederarbeiter um 1900 [b]<\/figcaption><\/figure>In Osthofen k\u00fcndigte sich die industrielle Revolution zun\u00e4chst durch den Bau von Stra\u00dfen (die erste f\u00fchrte 1840\/42 nach Westhofen und zum Rhein) und der Eisenbahnstrecke Mainz-Worms mit Er\u00f6ffnung des Haltepunkts Osthofen im August 1853 an. Die verbesserte Infrastruktur schaffte die M\u00f6glichkeit der Errichtung von Industriebetrieben, wie beispielsweise die Maschinenfabriken Keller und Klein in den Jahren 1855 und 1857, die M\u00e4lzerei Schill im Jahr 1859 und die Kartoffelzuckerfabrik Best (sp\u00e4ter Dr. Wander GmbH, heute Nestl\u00e9 Health Care Nutrition) im Jahr 1860.[5]<br \/>\nIm benachbarten Worms etablierte sich die Lederindustrie durch Ausbau der Lederfabriken \u201eCornelius Heyl AG\u201c (gegr. 1834) und \u201eDoerr &amp; Reinhart\u201c (gegr. 1840). Dennoch reichten die neu geschaffenen Arbeitspl\u00e4tze nicht aus, das entstehende Industrieproletariat ausreichend zu versorgen.[6]<\/p>\n<p>In der Folge suchten insbesondere die \u00e4rmeren Schichten ihr Heil in der Auswanderung. So auch in Osthofen. Die Auswanderungswelle dauerte von ca. 1849 bis 1861. H\u00f6hepunkt war das Jahr 1853 als alleine 146 M\u00e4nner, Frauen und Kinder, davon 76 mit und 70 ohne Genehmigung der Beh\u00f6rden aus Osthofen weggingen. Das waren alleine in diesem Jahr rund 7% der Bev\u00f6lkerung.[7]<\/p>\n<p>Befl\u00fcgelt wurde die Auswanderung vor allem in die USA durch Berichte \u00fcber gro\u00dfe Goldfunde. Spieler, Hazardeure und Abenteurer zog es aufgrund von Berichten, nach denen arme Landarbeiter \u00fcber Nacht zum Million\u00e4r wurden, in Scharen zu den vermeintlichen Goldlagerst\u00e4tten. Nach Goldfunden am Sacramento River und im America River nahe San Franciso im Jahr 1848 sorgte insbesondere der kalifornische Goldrausch zu einer neuen Einwanderungswelle nach Amerika.[8]<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_62\" aria-describedby=\"caption-attachment-62\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/gruen.watch\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Grabstein-Susanne-Magarethe-Br\u00fcckman-geb.-Gr\u00fcn-klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-62\" src=\"http:\/\/gruen.watch\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Grabstein-Susanne-Magarethe-Br\u00fcckman-geb.-Gr\u00fcn-klein-300x224.jpg\" alt=\"Grabstein der Susanne Margarethe Br\u00fcckman, geb. Gr\u00fcn (Schwester von Dietrich Gruen), Bergfriedhof Osthofen, Foto: Peter Schill\" width=\"300\" height=\"224\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-62\" class=\"wp-caption-text\">Grabstein der Susanne Margarethe Br\u00fcckman, geb. Gr\u00fcn [c]<\/figcaption><\/figure>Auch alle vier S\u00f6hne und die j\u00fcngste Tochter von Johann Georg Gr\u00fcn wanderten in die USA aus. Nur die \u00e4lteste Tochter verblieb in Deutschland und \u00fcbernahm mit ihrem Mann das Schuhmachergesch\u00e4ft der Eltern. Nach Ihrem Tod wurde sie auf dem Bergfriedhof in Osthofen beerdigt, wo ihr Grabstein noch heute zu finden ist.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die drei \u00e4ltesten S\u00f6hne Georg, Johann und Jakob bereits fr\u00fch emigrierten, beendte der j\u00fcngste, Dietrich, erst seine Ausbildung.<\/p>\n<p>1867, im Alter von 20 Jahren folgte er dann einer Einladung seiner beiden Br\u00fcder Johann und Jakob nach St. Louis, Missouri. Der \u00e4lteste Bruder Georg war bereits 1863 im amerikanischen B\u00fcrgerkrieg (1861-1865) gefallen.[9] Die \u00e4lteren Br\u00fcder waren im Weinhandel t\u00e4tig \u00a0und handelten unter anderem mit Wein aus ihrer rheinhessischen Heimat.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_63\" aria-describedby=\"caption-attachment-63\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/gruen.watch\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Liebfrauenkirche-Worms-klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-63\" src=\"http:\/\/gruen.watch\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Liebfrauenkirche-Worms-klein-300x189.jpg\" alt=\" Liebfrauenkirche in Worms mit den ber\u00fchmten Weinbergen zur Produktion der &quot;Liebfraumilch&quot; Quelle: http:\/\/www.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Worms_Liebfrauen.jpg\" width=\"300\" height=\"189\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-63\" class=\"wp-caption-text\">Weinberge der ber\u00fchmten &#8222;Liebfraumilch&#8220; [d]<\/figcaption><\/figure>Deutscher Wein hatte in Amerika zu jener Zeit nicht nur unter Auswanderern einen guten Ruf. Meist wurde deutscher Weisswein mit dem Namen Liebfrauenmilch (oder engl. Liebfraumilch) assoziiert. Dieser Wein kam urspr\u00fcnglich von den Weinbergen rund um die Liebfrauenkirche in Worms, die nur wenige Kilometer von Osthofen entfernt liegt. Es ist anzunehmen, dass auch die Gruens diesen Wein in den USA vermarkteten. Da der Begriff aber nicht gesch\u00fctzt war, wurden sp\u00e4ter auch die Weine aus anderen deutschen Regionen mit diesem Namen bedacht und der Markenname verkam zu einem Sammelbegriff f\u00fcr meist g\u00fcnstigen und s\u00fc\u00dfen deutschen Wei\u00dfwein.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_64\" aria-describedby=\"caption-attachment-64\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/gruen.watch\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Brief-Simon-Freidrich-Schill-an-Jacob-Gruen-klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-64 size-full\" src=\"http:\/\/gruen.watch\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Brief-Simon-Freidrich-Schill-an-Jacob-Gruen-klein.jpg\" alt=\" Brief an Jacob Gruen, St.Louis, von seinem Vetter Simon Friedrich Schill, Osthofen, \u00fcber den gemeinsamen Weinhandel, September 1872 Quelle. Kopierbuch des S.F.Schill im Familienbesitz, Foto: Peter Schill\" width=\"540\" height=\"321\" srcset=\"https:\/\/gruen.watch\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Brief-Simon-Freidrich-Schill-an-Jacob-Gruen-klein.jpg 540w, https:\/\/gruen.watch\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Brief-Simon-Freidrich-Schill-an-Jacob-Gruen-klein-350x208.jpg 350w, https:\/\/gruen.watch\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Brief-Simon-Freidrich-Schill-an-Jacob-Gruen-klein-150x89.jpg 150w, https:\/\/gruen.watch\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Brief-Simon-Freidrich-Schill-an-Jacob-Gruen-klein-300x178.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-64\" class=\"wp-caption-text\">Brief an Jacob Gruen, St.Louis [e]<\/figcaption><\/figure>Die Familie \u00e4nderte mit der \u00dcbersiedlung in die USA auch die Schreibweise ihres Namens. Da in der englischen Sprache Umlaute unbekannt sind, wurde aus \u201eGr\u00fcn\u201c die Schreibweise \u201eGruen\u201c mit der Folge, dass sich auch die Aussprache in &#8211; Gru-en &#8211; wandelte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>[1]\u00a0 NN: Wikipedia, Phytophthora infestans<br \/>\n[2] NN: Wikipedia, Gro\u00dfe Hungersnot in Irland<br \/>\n[3] NN: Wikipedia, Kartoffelrevolution<br \/>\n[4] Wechsler, Bert: 1200 Jahre Osthofen, S. 178, herausgegeben von der Stadtverwaltung Osthofen, Juli 1984<br \/>\n[5] Konrad, Walter und Traudl: Osthofener Geschichten, S. 25 ff., 1998, Selbstverlag<br \/>\n[6] G\u00f6tzen, Johannes, Erinnerung an Lederindustrie in Worms, Wormser Zeitung 25.10.2012<br \/>\n[7] Konrad, Walter: 1200 Jahre Osthofen, S. 180, herausgegeben von der Stadtverwaltung Osthofen, Juli 1984<br \/>\n[8] NN: Wikipedia; Goldrausch<br \/>\n[9] Schliesser, Paul, Gruen \u2013The Art &amp; Mystery of Watchmaking, 1998-2001, http:\/\/www.pixelp.com<\/p>\n<p>[a] \u00a0zeitgen\u00f6ssische Zeichnung der Bridget O\u2019Donnel und ihrer Kinder, Quelle: Illustrated London News 1849<br \/>\n[b] \u00a0Lederproduktion bei Doerr &amp; Reinhart, Worms, um 1900,\u00a0Quelle: http:\/\/www.wormser-lederindustrie.de, 9.6.2014<br \/>\n[c] \u00a0Susanne Margarethe Br\u00fcckman, geb. Gr\u00fcn, Schwester von Dietrich Gruen, Grabstein auf dem Bergfriedhof in Osthofen, Foto: Peter Schill<br \/>\n[d] \u00a0Liebfrauenkirche in Worms mit den ber\u00fchmten Weinbergen zur Produktion der &#8222;Liebfraumilch&#8220;,\u00a0Quelle: http:\/\/www.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Worms_Liebfrauen.jpg<br \/>\n[e] \u00a0 Brief an Jacob Gruen von seinem Vetter Simon Friedrich Schill, Osthofen, \u00fcber den gemeinsamen Weinhandel, September 1872,\u00a0Quelle. Kopierbuch des S.F.Schill im Familienbesitz, Foto: Peter Schill<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist davon auszugehen, dass die Familie von Johann Georg Gr\u00fcn in relativ bescheidenen Verh\u00e4ltnissen lebte. Die Gruens konnten als Vollwaisen mit keiner gro\u00dfe Erbschaft rechnen. Der Beruf des Schuhmachers war zwar ehrbar, konnte aber die Familie in der damaligen Zeit nur notd\u00fcrftig ern\u00e4hren. 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